Ägypten - radikale oder gemäßigte demokratische Zukunft?

UN, INTERNETPARLAMENT, TERRORISMUS, WELTHANDEL, DIPLOMATIE, andere LÄNDER etc.

Moderator: Co-Autoren

Ägypten - radikale oder gemäßigte demokratische Zukunft?

Beitragvon micha » Di Feb 01, 2011 04:28:38:

Werden in Ägypten Irak/Iran/Afghanistan/saudiarabischer Fundamentalismus der Wahhabiten, der radikale Teil der Moslem-Bruderschaft assimiliert, oder obsiegen die Menschen-verachtenden Methoden der Sicherheits-Kräfte des überfälligen Mubarak, (Einfügung am 4/Februar/2011: denn Mubarak verstärkte den Sicherheits-Apparat von Anbeginn seiner Regentschaft. Die Furcht der Ägypter vor diesem Apparat erlebte ich durch Schilderungen in Alexandria)? Angesichts dieser Aussichten mag ich kaum glauben, dass Ägypten eine relativ gemäßigte demokratische Zukunft haben wird, wie zum Beispiel die Türkei. (Einfügung am 4/Februar/2011: Zwei Tage nach dieser meiner Befürchtung gingen die bewaffneten Schläger-Trupps Mubaraks auf die Straße und richten nun ein kalkuliertes Chaos an.) (1)

Ich zitiere einen Auszug aus einem Spiegel Online-Bericht:

Ein junger schwedischer Tourist ist einem Bericht zufolge tagelang von der ägyptischen Polizei inhaftiert und gefoltert worden. Der 22-jährige Aaed N. war nach eigenen Angaben am Dienstag vergangener Woche festgenommen worden. Er habe Fotos von einer Moschee im Kairoer Vorort El Abasia gemacht, als ihn Polizisten in Zivil mitnahmen.

"Ich war gerade dabei, eine alte Moschee zu fotografieren, als Polizisten auf Motorrädern kamen", sagte er der schwedischen Zeitung "Helsingborgs Dagblad" per Telefon. Sie nahmen ihm die Kamera ab und brachten ihn ins Gefängnis. "Sie wollten mich töten", zitiert die Zeitung den Mann.

Seinen Schilderungen zufolge wurde er auf der Wache von mehreren Polizisten geschlagen. Einer von ihnen habe ihm gedroht, er werde den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen, wenn er versuchen sollte, die schwedische Botschaft anzurufen. "Sie setzten mir ein Messer an den Hals. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viel Angst."


Ähnliches habe ich in Liberia erlebt. Ich war drei Monate dort, als der Makro-Verbrecher Charles Taylor noch sein Schreckens-Regime anführte, und fotografierte Teile der Innenstadt, zum Beispiel verrammelte Läden, notdürftig geschützt vor den gnadenlosen Schergen Taylors. Plötzlich waren zwei Sicherheitskräfte in Zivil hinter mir. Ich wollte sie abschütteln, ging schneller. Sie folgten dicht hinter mir, zwangen mich dann in eine Polizei-Wache. Dort wurde ich verhört. Immer mehr Leute kamen ins Zimmer. Ich sah die blanke sadistische Lust in ihren Augen: dieser Mann, der da sitzt, wird in zwei bis drei Stunden in unserem Foltergefängnis sein.

Ich wandte mich an den Polizeibeamten, sprach nur mit ihm, weil ich wusste, dass zwischen Sicherheits-Kräften und Polizei noch immer ein Unterschied bestand und zeigte keine Furcht, im Gegenteil. Dann durfte ich einen Freund im Parlament anrufen. Er holte mich da raus und gab einigen Leuten Geld.

In Ägypten erlebte ich eine andere Geschichte. Sie zeigte die Homosexualität als Frustrations-Ventil im Land. Krank wegen eines Tees mit Nilwasser lag ich am Fuße des Tempels von Kena, dessen Museums-Leiter schwul war. "Ein fauler Hund" sagte mir ein deutscher Archäologe in einem einfach-primitiven Memnon-Hotel nahe der Memnon-Kolosse. Der relativ junge Museums-Leiter nahm mich an nächsten Tag mit nach Kena. Da lag ich nach einer dunklen Nacht in einem Hotel-Zimmer ohne Fenster nun auf einer Steinbank unterhalb des Tempels. Besichtigen konnte ich ihn nicht. Mir war schlecht wie nie in meinem Leben. Da kam einer der Tempelaufseher und hantierte an mir. Wie sein Chef waren naturgemäß auch alle Bediensteten schwul. Schwach wehrte ich ihn ab. Das genügte. Dann kam schon der nächste. Aber dann passierte etwas Wunderbares. Eine Ärzte-Gruppe, alles Ägypter, entdeckte mich, versorgte mich, und am Ende fuhr ich mit ihnen in einem Bus Richtung Alexandria. Sie sangen den ganzen Weg Studentenlieder. Sie waren das liebenswerte Ägypten. Sehr viele Menschen im Land erinnerten mich an die liebenswürdig-sanften Menschen der altägyptischen Malereien in den zahlreichen Mastabas, den Grab-Höhlen unter der Erde, zu denen schmale Gänge herabführen.

Die beiden Erlebnisse, in Liberia und in Kena/Ägypten, lassen die Geschichte des schwedischen Touristen in einem mir bekannten Licht erscheinen. Die sadistische Homosexualität der Sicherheits-Kräfte klingt für mich absolut glaubhaft, auch die Todes-Drohung, denn je mehr der Sadismus in die Praxis umgesetzt wird, desto eher droht am Ende, dass das Opfer beseitigt wird, um nicht berichten zu können.

Ägypten ist vollgestopft mit Menschen, die bereits alle Hemmungen verloren haben (Einfügung am 4/Februar/2011: wie wahr, die Ereignisse zwei Tage später bestätigen meine Aussage) und sich dem nächstbesten Diktator, Islam-fundamentalistisch oder eher weltlich, andienen werden. Die Situation in Ägypten ist alles andere als harmlos. Europa darf nicht warten und passiv zuschauen, ob die Menschen das drängende Problem einer geordneten Führung selbst in die Hand nehmen.


________________

Gestern hatte ich geschrieben:
Heute können Privates und Öffentliches nicht mehr voneinander getrennt werden, weil soziale Netzwerke mit allen privaten Facetten zum Sturz der Despoten-Regierung in Tunesien geführt haben und nun Ägypten explodieren lassen. Die Gegenwehr des 82-jährigen starrsinnigen Muhammad Husni Mubarak erzeugt eine Explosion, die wahrscheinlich nur durch den 68-jährigen Friedens-Nobelpreisträger Mohammed el-Baradei gedämpft werden kann. Inzwischen hört man von Kunstraub und Schändung des Ägyptischen National-Museums und wird an Bagdad nach der Eroberung durch amerikanische Truppen erinnert. Sie konnten den Raub an wertvollstem Kulturgut, an Weltkulturerbe-Substanz nicht verhindern, weil Bush jun. ein ungehobelter, leicht oder krass kulturloser Texaner war, dem das egal war.

Ägypten macht sich auf den Weg, zu einem Irak zu verkommen. Die Amerikaner sollten ihre Fehler nun nicht wiederholen. Es ist zu hoffen, dass vor allem Frau Michelle Obama eine ausgleichende Wirkung haben wird, so dass Ägypten einigermaßen heil bleibt. Kopten wurden dort kürzlich ermordet. Es ist zu befürchten, dass den Islamisten auch die Ägyptische Kultur ein Dorn im Auge ist, und dass es zu einer kulturellen Katastrophe kommen wird, so wie einst, als die große Welt-Bibliothek von Alexandria von muslimischen Horden zerstört wurde.

Die heutige Konflikt-Lage weltweit wirkt wie eine Projektion aus der Zeit der Ermordung Muḥammad Anwar as-Sādāts am 6. Oktober 1981 durch vier Islamisten der Gruppe Al-Jihad (Heiliger Krieg). Die Al-Jihad, eine Abspaltung der Jama'at islamiyya, geführt von Abdessalam Faraj (Kairo) und Karam Zuhdi (Mittelägypten) und ihrem Mufti Scheich 'Umar 'Abd al Rahman, einem blinden Professor der Al-Azhar-Universität, betrachtete Sadat als unrechtmäßigen Herrscher, weil er nicht ausschließlich auf Grundlage der Scharia regierte. Seine Ermordung war aus Sicht der Gruppe das notwendige und angemessene Mittel zur Errichtung der von ihr angestrebten Form eines islamischen Staates. Im Rahmen konfessioneller Unruhen im Gebiet von Al Zawiya al Hamra ermordete 1981 die mittelägyptische Gruppe der Al Jihad sechs koptische Christen, die reiche Goldschmiede waren, und erbeutete nach Aussage ihres Führers Karam Zuhdi fünf Kilo Gold und 3000 ägyptische Pfund, mit deren Hilfe Waffen für die Organisation erworben wurden (Wikipedia).

Dieser historische Einblick gibt darüber Auskunft, dass sich die Ziele der Jihadisten weltweit nur regional verlagert und ausgebreitet haben. Ägypten als Ursprung steht nun wieder am Scheidewege. Einen Sadat wird es nicht mehr geben und erst recht nicht eine weltweit hoch geachtete Persönlichkeit wie Jehan as-Sadat, die ihn mit 16 Jahren heiratete, mit ihm zusammen eine glückliche Ehe führte ("Er war meine Kraft, ich sein Licht"), mehrere Kinder gebar und an seiner Seite und nach seiner Ermordung zu einer der großartigsten Frauen aufstieg, die es je gegeben hat, weit bedeutungsvoller als Sadat selbst, obwohl dieser zusammen mit Begin 1978 den Friedensnobelpreis erhielt.

Das Paar Obama, offenbar ebenfalls eine glückliche Einheit, ist dazu aufgerufen, die Schuldenkrise der USA beiseite zu schieben und eine heilende Wirkung für Ägypten zu entfalten.



(1)

Beispiel für den Zeitunterschied Berlin-Bangkok:

Im Beitrag viewtopic.php?p=2346#2346 sind oben im ersten Absatz Einfügungen und ein Link. Sie sind auf den 4.Febr.2011 datiert = Bangkok-Zeit. Der Vermerk über diese Einfügungen erscheint auch im Kalender GMT+1 = Berlin, und zwar dort am 3/Februar/2011 um 21:00 bis 22:30. Um 3:30 bis 5:00 am 4/Februar/2011 Berlin-Zeit schrieb ich eine Ergänzung in: http://vrhein.blogspot.com/2011/01/neue ... ation.html

Unter dem Bild schrieb ich den Begriff "Erstickungs-Tod". Das war also nach Berliner Zeit früh am 4/Februar/2011 tief in der Nacht. Am 4/Februar/2011 erschien eine Abwandlung des Gebauer-Berichtes vom Vortag, diesmal mit der Überschrift: Straßenkrieg erstickt (!) das Leben in Kairo. Das Titelbild vom Vortag blieb.

"ERSTICKEN" war einfach der beste Begriff. Möglicherweise wurde er aus http://vrhein.blogspot.com/2011/01/neue ... ation.html
schnell herauskopiert, und der Artikel in Spiegel-Online bekam ein neues, prägnanteres Gesicht, frisch für den nächsten Tag.

Das Beispiel zeigt die Schnelligkeit des Internet, nicht nur in Twitter und Facebook, die ich aus Zeitmangel sehr oft vernachlässige, weil ich sie für nicht so wichtig halte (von 1000 "Freunden" half niemand auf einen Hilferuf um Leben und Tod).

Wer in Thailand schreibt wie ich, sollte wegen der Zeitverschiebung nicht übers Ohr gehauen werden. Darum habe ich die beiden Zeitkalender heute recht deutlich gemacht und bei beiden die übersichtlichere Wochen-Ansicht gewählt (vorher war Monats-Ansicht das erste Erscheinungsbild).

Siehe Mubarak "I am proud of you!"
Benutzeravatar
micha
Administrator
 
Beiträge: 1995
Registriert: Mo Jun 21, 2004 16:17:47:

Zurück zu THEMEN zum WELTGESCHEHEN

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

cron